Die durchgeknallte Deutsche

Artikel erstellt in Allgemein, Kommunikation
Die durchgeknallte Deutsche

Um vorweg eines klarzustellen: Wertschätzende Kommunikation liegt mir am Herzen, und ich dulde keine diskriminierenden Ausdrücke. Despektierlich und diskriminierend ist für mich allerdings (nur) das, was vom Sprecher mit bewusster Intention auch genau im Wortsinn gemeint ist. Denn, es können zwar alle Menschen sprechen, sich jedoch nicht unbedingt passend ausdrücken. Nicht, weil sie nicht intelligent genug wären, sondern weil sie in den Bezugspersonen und Lehrern nicht die adäquaten Vorbilder für präzisen (und wertschätzenden) Sprachausdruck hatten und bisher nicht reflektiert und umgelernt haben.

Ganz natürlich.

Ich erinnere mich gerne an meinen Deutschlehrer in der Kollegstufe; er kam aus dem tiefen Niederbayern und hatte seine Herkunft in jedem Laut und auf der Zunge. Er hatte Humor und war treffsicher. Er war launisch. In deutscher Grammatik und Literatur war er stark. Wie hieß er noch gleich? Wissen Sie was, mir fällt sein Name nicht mehr ein. – Der Niederbayer halt!

Schon ist es passiert!

Ein Studienkollege von mir spielte in einer ganz bunt gemischten Männermannschaft Fußball. Er war ein sehr guter Fußballspieler. Wenn man etwas sehr gut kann, darf man sich manchmal über den Ärger, Neid und die Missgunst von anderen als Kompliment freuen. Nach einem gewitzten Spielzug tobte also ein Spieler der gegnerischen Mannschaft auf ihn, nach Worten ringend, zu: „Du, du, du, du…. du Student, du!“ Der Student als Schimpfwort. Es ist einfach zu schön. – Was ist passiert?

Es ist zutiefst menschlich, Emotionen auch mit Worten ein Ventil zu geben. Sie sollten das mit den schönen und angenehmen Emotionen übrigens kultivieren („ich liebe dich“, „ich freue mich …“, „es macht mich glücklich…“, „ich bin Ihnen so dankbar…“) und die rumpeligen Äußerungen nicht gleich persönlich, sondern eher als Reflexionsangebot annehmen. Denn bei jenen sucht der Absender nach einer offenkundig individualisierbaren, abnormen Andersartigkeit des Gegenübers. Dafür kann alles herhalten: Ist derjenige grün, dick, jung, alt, schnell, langsam, groß, klein? Hat er eine Glatze oder eine Löwenmähne, einen Bart, eine Hasenscharte, hinkt derjenige oder raucht Pfeife? Im Fußball Beispiel, das ist hier das witzige Paradoxon, fiel demjenigen nichts Besonderes auf und so musste eben der Student herhalten.

Aufgepasst!

Als ich in fremden Landen lebte, war ich „die Deutsche“, die „Weiße“, „die Große“, „die mit den rötlichen Haaren“ oder „die Volleyballspielerin“. Im ehemaligen Kollegenkreis war ich „die, mit den coolen Strümpfen“, „die immer bunt gekleidet ist“ und „die nette Juristin“; „die, die immer so strahlt“ und für einen empörten Chef war ich die, „die schon wieder so unerträglich gut gelaunt ist“. Das geht alles runter wie Öl und stimmt – natürlich. Doch wie sieht es mit Zuordnungen aus, in denen Sie sich nicht so gut gefallen?

Sie glauben nicht, wie ich mich gefreut habe, als mir vor kurzem eine wunderbare Frau („die blonde Österreicherin“), die ich auf dem Jakobsweg kennenlernte, erzählte, sie hätten erst über mich gesprochen, über „die durchgeknallte Deutsche“. – Großartig! „Was meint Ihr mit „durchgeknallt“?,“ war ich interessiert, zu erfahren. Geben Sie acht, denn genau diese Art und Weise der Fragestellung ist relevant. Das Wort „durchgeknallt“ ist nämlich nur ein praktisches, verkürzendes, vereinfachendes „unter dem Strich“ Befinden. Was der Sprecher in seinem eigenen „mindset“, in der Kommunikationspsychologie sagen wir „auf seiner Landkarte“, also subjektiv versteht, ist sprachlich getilgt. Und im Fachjargon spreche ich bei ersterem von der Oberflächen-, bzw. bei letzterem von der Tiefenstruktur der Sprache (im sog. Meta Modell der Sprache für Kundige).

Durchgeknallt!

Was meinen Sie (vielleicht kennen Sie mich und können mit „durchgeknallt“ auch etwas anfangen, bitte-gerne kommentieren)? Ich fing zunächst mit einem Perspektivwechsel beim Naheliegenden, nämlich bei mir selbst an:
Was könnte ich an mir selbst als „durchgeknallt“ finden, wenn ich mich von außen betrachte, in diesem Fall im Kontext Jakobsweg? Da fällt mir sofort etwas ein: Ich lache viel, bin immer fröhlich und strahle vor mich hin. Ich trage bunte Strumpfhosen unter sehr kurzen Jeans oder ein Kleid. Ich marschiere 30 – 40 km am Tag. Ich finde in ausweglos erscheinenden Situationen immer eine wunder-bare Lösung. Ich artikuliere meine Bedürfnisse und ein „nein“ klar und deutlich. Ich habe immer einen Apfel extra für einen Esel oder ein Pferd im Rucksack. Ich transformiere meine Frustration schnell und meistens humorvoll. Ich trinke weder Kaffee, noch Alkohol und ich esse keine Tiere, sammle dafür Heilkräuter am Wegesrand. Die letzten vier reichen den meisten Menschen bereits für das Etikett „abnorm“ und „unkonventionell“ und in jedem Fall ist alles zusammen so auffällig, wie ein Knall.

Fazit

Was will ich Ihnen damit sagen? Automatisch suchen wir nach Kriterien, nach denen wir andere Menschen individualisieren können, zumal wenn wir deren Namen nicht kennen und erst recht, wenn eine Befindlichkeit oder Emotion mit demjenigen verknüpft ist. Manchmal ist es auch nur eine (schlechte) sprachliche Angewohnheit oder man weiß es eben nicht besser.

Lernen

Bevor Sie denken, eine Zuordnung sei „diskriminierend“, überlegen Sie doch zunächst einmal, wo Sie den Ihnen oder einer anderen Person zugesprochenen Ausdruck als „wahr“ finden können. Dann sieht die Welt schon etwas anders aus. Es ist auch eine gute Gelegenheit, den berühmten blinden Fleck, den nur andere sehen können, zu erforschen und daraus ein wertvolles Feedback zu filtern.
Nur, wenn die Intention des Sprechers eine zielgerichtet bösartige oder herabwürdigende ist, sollten Sie sofort etwas dagegen unternehmen. Allemal bin ich für sprachliche Aufklärung und für die Erforschung, wie ein Ausdruck beim Gegenüber wirken kann. Für viele heißt das in meinen Kursen „Vokabeln lernen“, die Haltung ändern, die eigenen Glaubenssätze und Werte überprüfen. Das schaffen Sie ganz bestimmt. – Sie schlauer Leser, Sie!

Ansonsten biete ich all das im Curriculum meines NLP Practitioner und NLP Master Kurses.

Mit einem herzlichen Augenzwinkern, Ihre

 

 

 

 

Vanessa Vetter – die Frau für Veränderung.

Widmung
Diesen Beitrag widme ich meiner lieben Sabrina vom Jakobsweg, die mir so wunderbar offen das „durchgeknallt“ geschenkt hat. Und wenn Sie Glück haben, schreibt sie im Kommentar, was sie und die anderen an mir so empfinden. Sind wir also gemeinsam gespannt… – Sabrina?

Urheberrechtlicher Hinweis
Respekt, Fairness und Wertschätzung sind mir sehr wichtig. inmetra® ist eine eingetragene Marke. Alle Rechte liegen bei Vanessa Vetter. Texte oder Textteile dürfen nur mit ausdrücklicher Genehmigung genutzt werden. Lassen Sie mich bitte wissen, wenn Sie daran interessiert sind.

 

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