Die falsche Hand: Rechtshänder oder Linkshänder?

Warum ist es fatal, mit der „falschen“ Hand zu schreiben? Ich beobachte es in meiner Praxis seit vielen Jahren und mein Experiment in eigener Sache ist frappierend. – Sind Sie auf links oder rechts gepolt? Sind Sie gezwungenermaßen umprogrammiert worden oder machen Sie mal das eine mit rechts, das andere mit links? Das hat relevante Auswirkungen auf Ihr Gehirn und wiederum auf alles, was und wie Sie denken, tun, lernen, auf Ihr Selbstbild und Ihre Emotionen. Zu diesem Thema gibt es eine Fülle von interessanten Forschungen und Erkenntnissen. Ich werde hier einige, mir für Sie relevant erscheinende Denkanstöße in den Vordergrund stellen.  – Viel Spaß beim Lesen und Hantieren!

Linguistisch betrachtet

Jeder kennt die Ausdrücke „etwas mit links“ machen oder jemand hat „zwei linke Hände“. Diese Metaphern sind sofort klar: Während der eine etwas so leicht und sicher macht wie ein Rechtshänder sogar mit der linken Hand, kann der andere „keinen Nagel gerade in die Wand schlagen“. Etymologisch gibt es diverse Ausdrücke in Dialekten und Sprachen. Im Oberbayerischen kennen Sie vielleicht den „Denkmatsch“. Das ist ein Linkshänder, der immerhin ein eigenes Wort wert war. „Denk“ ist das alte bayerische und wohl auch österreichische Wort für „links“. Ein guter Denker also? Jemand, der Dinge anders machen kann, somit kreativer, pfiffiger, findiger, sicherer ist?

Rechts versus links, kulturhistorisch betrachtet

Die Römer sind schuld. Anders als diese hatten wohl die Germanen die linke, als Herzensseite, als die bessere und „gute“ Seite empfunden. Die Experten sagen, die Händigkeit sei eine genetische Präferenz. Man weiß es nicht genau. Worüber sich alle einig sind ist, dass es keine absoluten Beidhänder gibt, sondern immer eine Vorzugshand. Im Arabischen schreibt man von rechts links, da muss das Gehirn sich ganz anders orientieren als bei einem Europäer, nicht notwendigerweise besser. Man isst dort auch nicht mit der linken Hand, weil das die Hand zum Popo Abwischen ist. Deswegen darf man ganz viel nicht mit links machen. Es wäre eine Beleidigung: Geben, nehmen und essen ist für die rechte Hand dort ein kulturell bedingtes Muss.

Die Hand im Hirn

Die neurologische Repräsentation unseres menschlichen Körpers, also das Selbstbild vom Gehirn aus gesehen, ist beeindruckend. Der Humunculus zeigt im Abbild deutlich überrepräsentiert die Hände und die Lippen. Das ist nachvollziehbar. Auch beim degenerierten Großstadtmenschen des 21. Jahrhunderts entscheiden die Lippen über „Gift oder Nahrung“. Nicht die übergestandene Milch oder das abgelaufene Joghurt, doch der Pilz oder die Beere könnten die letzten gewesen sein, die Sie gegessen haben. Und die Hände – Sie sollten Ihre Hände unbedingt feiern. Das allerbeste Werkzeug der Welt, das die Arche Noah gebaut hat, den Hund, die Katze und die Liebsten streichelt, feinste Uhrenwerke repariert, spürt, wann der Teig die richtige Konsistenz hat und Ihren Dachboden ausbaut. – Ein einziges Wunder!

Angeboren oder gelernt?

Die Frage, ob etwas angeboren oder erlernt ist, treibt mich seit meiner Jugend um. Ich beginne mit meiner Erfahrung. Als aktive Volleyballspielerin hatte ich wirklich Glück und immer gut aufgepasst: Knie und Finger waren über all die Jahre verschont geblieben, bis mich eines Tages dann doch ein Ball ungünstig erwischte: Ein Kapselriss am Ringfinger der rechten Hand. Überhaupt nichts Schlimmes. Nur eine Schiene über das Handgelenk, um Ruhe zu garantieren. Für mich wurde es zu einer weichenstellenden Überraschung. Dass ich ein reiner Rechtshänder war, das wusste ich schon vorher, doch was das bedeutete, wurde mir erst jetzt klar: Ich konnte kaum meine Zähne putzen.  Den Schlüssel in mein Türschloss zu manövrieren, war eine Herausforderung mit Geduldsprobe. Haarewaschen, einen Deckel vom Glas schrauben, eine Flasche öffnen, essen, all das wurde zur Frustration. Ich war so geschockt, dass ich mir damals, Mitte zwanzig, vornahm, meine Linke zu trainieren. Nicht vorzustellen, wie aufgeschmissen ich wäre, wenn ich mir die Hand bräche. Gesagt, getan (ich war schon damals eine Frau der Veränderung). Meine Güte, wie mir das schwer fiel!

Selbstcoaching

Als Coach in eigener Sache bin ich nun seit langem gewohnt, Dinge bewusst und trainingshalber für mein Gehirn immer wieder anders zu machen und andere Dinge zu machen, als gewohnt. Ich steige auf mein Rad von der anderen Seite oder ich nehme die Maus oder die Zahnbürste auf links. Uff. Das ging anfangs gar nicht. Nachdem ich eine Weile praktiziert hatte, stellte ich mit großem Erstaunen fest, dass meine linke Hand, ganz von selbst und ohne, dass ich es ihr beigebracht hätte, hantierte. Plötzlich rührte ich mit links im Kochtopf oder nahm mit der Linken ein Paket entgegen. Ich fing einen Ball mit links. Das wäre früher undenkbar gewesen. Beim Bügeln stellte ich begeistert fest, dass meine Linke mit wesentlich weniger Kraftaufwand agiert, als meine Rechte. Das darf nun die letztere von der ersteren lernen. Wie macht sie das, die gute linke Hand?

Erstaunlich

In einer neuropsychologischen Studie der Universität Zürich 2012 wurde es mit dem Magnet-Resonanz-Tomografen untersucht. Das erstaunt Sie nicht, denn Sie wissen es genauso gut wie ich: Wenn die Hand oder das Bein aufgrund einer Verletzung ruhiggestellt ist, übernimmt die andere Seite notgedrungen und schwups, sind die entsprechenden Gehirnareale aktiviert, mit feinmotorischen Folgen. In der Studie war das bereits nach zwei Wochen nachweisbar. Das kann man sich zu Nutze machen, um eine Seite bewusst zu stimulieren, z.B. in einer Schlaganfallsituation. Die schnelle Anpassungsfähigkeit hat als Preis, dass an der stillgelegten Seite die Aktivität (analog zur Muskelkraft) schrumpft.

Die sogenannte Schreibhand

Wenn Sie schon einmal probiert haben, mit der anderen Hand als Ihrer Schreibhand zu schreiben, dann haben Sie was festgestellt? Ja, genau. Es geht irgendwie. Vielleicht etwas krakelig und schief, doch immerhin. Ist es nicht ein Wunder, dass Ihre Hand schreiben kann, obwohl sie ihr das nie beigebracht haben und sie das nie geübt hat? Ich finde schon.

(Neuro) Logisch

Im Gehirn ist es im Scan gut sichtbar. Wenn Sie mit der anderen, als der gewohnten Hand etwas tun, dann machen Sie sich neues Territorium zu eigen. Synapsen entstehen und neue Nervenbahnen. Das Fantastische ist, dass diese sich von selbst auf andere Tätigkeiten und sogar Bereiche Ihres Lebens auswirken. Moshé Feldenkrais` Arbeit beschreibt es in seinen Lektionen. Wenn Sie Feldenkrais bereits am eigenen Leib erlebt haben, wissen Sie, dass die Auswirkungen langfristig geradezu „zauberhaft“ erscheinen. Der Umgang mit anderen Menschen, Konfliktbewältigung, Resilienz, Sichtweisen, Reaktionsvermögen und auch innere Haltungen können sich „plötzlich“ ändern, ist der neuronale Fluss erst einmal hergestellt. Die Vernetzungen werden dichter, vielfältiger. Differenziertere Verschaltungen sind, im wahrsten Sinne des Wortes, denk- und somit umsetzbar. Neue Möglichkeiten ergeben sich dadurch und welche, die Sie nie für möglich gehalten hätten. Der Körper macht es ganz von selbst und die Areale feuern sich quasi gegenseitig an.

Gehirntraining mit Bewegung – Bewegung als Gehirntraining

Alle Bewegungen, die die rechte und linke Gehirnhemisphäre miteinander agieren lassen, sind dazu geeignet. Sie kennen vielleicht die Bewegungsspiele aus der „life kinetic“. Häkeln und Stricken gehört dazu oder Schlagzeug- oder Gitarre spielen (viele andere Musikinstrumente ebenfalls), tippen am Computer – sofern Sie beide Hände und das 10-Fingersystem anwenden. Mit kleinen Bällen kann man, neben jonglieren, eine Menge Sinnvolles tun. Wenn Sie gleich loslegen möchten (meine herzliche Einladung haben Sie), dann pausieren Sie 7 Minuten mit dem Lesen und schnappen sich zwei kleine (oder Jonglier-) Bälle.

Jeweils einen Ball in einer Hand, werfen Sie die Bälle parallel in die Luft (ca. 15 cm reichen) und fangen sie über Kreuz (die Hände abwechseln) wieder auf.

Wenn Sie gerade keinen Ball in der Hand haben und bevor etwas kaputt geht, machen Sie das, was ich in der Schule  unter der Schulbank trainierte: Den kleinen und Ringfinger vom Mittel- und Zeigefinger abspreizen, dann beide mittleren Finger zusammenlassen und die äußeren abspreizen, dann wechseln, fortgeschritten dann im ¾ Takt.

Schön ist auch, mit der einen Hand einen Kreis nach vorne, mit der anderen einen Kreis nach hinten in die Luft zu zeichnen, alternativ einen Arm vorwärts, den anderen rückwärts zu drehen. Meine Teilnehmer wissen ein Lied davon zu singen… – Also, wenn Sie bei der nächsten Telefonkonferenz nicht ganz brennend interessiert oder gefragt sind,  bei einer Sitzung, im Wartezimmer oder in der Supermarktschlange… Die Zeit ist immer gut zu nutzen. Sie werden den Nebeneffekt sofort merken: Sie sind frisch, aufmerksam und in gewisser Weise entspannt.

Umgeschulte Linkshänder

Früher hat man Linkshänder Kinder auf rechts umprogrammiert. Heute wird das zum Glück weitestgehend nicht mehr praktiziert. Es hat nämlich fatale Auswirkungen und ist einfach nur blöd. Ja, wirklich! Zum einen bekommt das Kind von Anfang an signalisiert: So, wie Du bist, bist Du nicht in Ordnung. Nur, wenn Du es „so“ (= richtig) machst, bist Du in Ordnung. Im Coaching ist das einer der Glaubenssätze, der bei Erwachsenen regelmäßig aus dem Unbewussten auftaucht „ich bin nicht in Ordnung“. Ich darf nicht so sein, wie ich bin. Ich darf nicht so sein, wie ich mich wohlfühle, ist die Botschaft auf der Identitätsebene. Beim Umprogrammieren passiert neurologisch etwas Gravierendes. Es kann zu Denk-Sprechblockaden kommen, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, sowie Wortfindungsstörungen. Wer die falsche Hand nimmt, macht dem Körper Stress und dann rückwärts noch einmal. Das geringe Selbstwertgefühl kommt als Bonus mit dazu, manchmal sogar Schuldgefühle. Denn ein Linkshänder hat andere Bedürfnisse als ein Rechtshänder, z.B. braucht er eine andere Schere oder einen anderen Füller, ein anderes Instrument. Wenn Eltern ein Problem aus dem extra Aufwand machen, dann hat das Kind in jedem Fall eines. „Ich verursache meinen Eltern ein Problem“ oder „höhere Kosten“, „mehr Aufwand“. „Ich bin kompliziert“ „anders als die anderen“, „ich gehöre nicht dazu“, „ich bin nicht normal“. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Das sind nur ein paar besonders gängige Schmankerl aus meiner Coaching Praxis.

Und jetzt?

Links oder rechts, was mache ich jetzt damit? In München gibt es eine, angeblich erste Linkshänder Beratungsstelle. Dort kann man sich testen lassen, ob man ein echter Rechtshänder, oder ein umgeschulter Linkshänder ist. Lassen Sie sich von mir bitte ernsthaft warnen. Der Eingriff im Gehirn ist massiv. Denn eine Rückgewöhnung löst ebenfalls mannigfache Folgen und derer nicht nur gute aus.

Fazit: Nur so kann es gut für Sie gehen

Um sich neurologisch mehr Denk- und Handlungsspielraum, neue Möglichkeiten und Welten zu eröffnen, gilt meine Einladung allen Rechts- wie Linkshändern: Seien Sie achtsam mit sich und trainieren Sie auf leichte, spielerische Art und Weise in kleinen Sequenzen die jeweils andere Hand, sowie die Koordination von beiden. Beobachten Sie Veränderungen und finden Sie mehr und mehr Ihre ganz individuelle Art des Hantierens und Seins heraus. Es ist, wie wenn Sie Ihre Hand fragen würden: „Na, wie ist es Dir am angenehmsten? Wie ist die Bewegung wohlig? Wie ist es für Dich am einfachsten? Wie würdest Du es ganz natürlich und gerne tun? Ich lasse Dich machen und richte mich nach Dir. Zeige Du es mir, wie es für Dich am besten geht.“ Und Feldenkrais lege ich Ihnen ans Herz. Unbedingt.

„Sie machen das schon, mit links sogar!“

Bevor ich Ihnen nun mit meiner rechten Hand „auf Wiederlesen“ zuwinke, lasse ich sie einen Augenblick links, auf meinem Herzen, ruhen…

Ihre

 

 

 

 

 

Vanessa Vetter – die Frau für Veränderung. Because change is your chance.

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2 Kommentare

  1. Martina
    2. Juni 2020

    Super spannender Artikel – ich klatsche mit rechter und linker Hand 🙂

    Antworten
    • inmetra
      3. Juni 2020

      Liebe Martina!

      Das ist wirklich ein interessanter Aspekt, das Klatschen. Meine noch nicht abgeschlossene Beobachtung dazu ist übrigens, dass das Klatschen auch sehr kulturabhängig ist. In der DDR klatschten die Menschen anders als in Westdeutschland, in Afrika anders als in Europa, wenn man das mal so verallgemeinert betrachtet und Kinder klatschen ganz anders als Erwachsene. Ich bleibe dran, von rechts und links…

      Herzlichen Dank für Deine Kommentierung!

      Sonnige Grüße klatscht Dir Vanessa

      Antworten

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