Ihr Gesicht spricht Bände…

Ihr Gesicht spricht Bände…

Um gut verstanden zu werden, ist es nötig, kongruente Signale zu setzen. Kongruent bedeutet, Denken, Fühlen und Handeln stimmen überein. Wenn Denken und Handeln nicht übereinstimmen, dann spricht man von einem sog. double bind – einer nicht kongruenten Doppelaussage. Wenn jemand „ja“ sagt, jedoch „nein“ meint, ist das beispielsweise der Fall: „Ja, ich komme gerne zum Vortrag auf den Kongress nach Turin (gesagt)“ und „oh je, das schaffe ich doch nur unter großem Stress und meine Frau hat an dem Tag Geburtstag“ („nein“ gedacht). Und das steht Ihnen dann auch ins Gesicht geschrieben.

Missverständnisse

Irritierend, teilweise fatal sind diese Aussagen. Es geht gleich am Anfang des Lebens los, beispielsweise wenn Eltern dem Kind verbal „ja“ signalisieren und mit der gesamten Mimik und Körpersprache – in der Kommunikationspsychologie und im NLP spricht man von der sog. „Physiologie“- „nein“ aussagen. Das Kind lernt ergo: Wenn MaPa „ja“ sagt und so schaut, dann mache ich es besser doch nicht. Vielleicht kommt es zu Verwirrung: Du hast doch „ja“ gesagt! Oder: „Ich hatte es dir doch erlaubt.“

Kongruente Kommunikation

Wir können maßgeblich dazu beitragen, dass unser Gegenüber uns so versteht, wie wir es meinen. Einerseits rein sprachlich, andererseits körpersprachlich, mimisch und auch durch den Ausdruck der Stimme. Menschen, die so zu kommunizieren verstehen, erlebt man als authentisch und kongruent. Man weiß, woran man ist. Das Gegenüber muss nicht das „eigentlich Gemeinte“ hellsehen oder mühsam sprachlich erforschen (wer kann das schon als Laie?). Es gibt weniger Konflikte, weniger Missverständnisse, klare Anweisungen in Beruf und Familie.

Mimik als Strategie

Aus gutem Grund oder aus purer Gewohnheit kann es sein, dass jemand eine recht sparsame Mimik in der Visage hat. In der Fachsprache heißt das „Nullmimik“, d.h. man kann sehr schwer daraus lesen, um Anhaltspunkte zum guten Nachfragen zu erkennen: Sie haben Bedenken? Was ist an dem Angebot für Sie unstimmig? Wie empfinden Sie die anstehende Veränderung? Was fürchten Sie dabei? Worüber freuen Sie sich?

Poker Face

Es kann auch sein, dass sich jemand – aus einem guten Grund- ein „poker face“ (Nullmimik) als Strategie im Leben angewohnt hat: „Dann kann keiner sehen, wie es mir wirklich geht, was ich wirklich davon halte“ (z.B. der Mandant, die Freundin, der Vorgesetzte, die Kinder). Nebenbei bemerkt, haben Sie schon einmal Profi Poker Spieler beobachtet? Die tragen manchmal eine Mütze bis tief unter die Augenbrauen gezogen. Ahnen Sie warum? Genau, die subtile Mimik im Milisekundenbereich lässt sich im oberen Gesichtsbereich nicht bewusst steuern, d.h. weder unterdrücken, noch abtrainieren.

Mimik als Maske

Möglicherweise gibt es auch eine sog. Maskierung, z.B. mit einem Lächeln. Dieses Lächeln ist kein ehrliches, echtes, authentisches, sondern ein aufgesetztes oder sog. „soziales“ Lächeln. Es kaschiert die darunter liegende Befindlichkeit. Manche Menschen haben aufgrund täglicher und jahrelanger Praxis ein Dauergrinsen im Gesicht stehen. Aus meiner Erfahrung heraus empfehle ich das Erlernen neuer, passenderer Strategien des Selbstausdrucks. Das könnte Flexibilität sein, also „poker face“ nur noch dann, wenn es wirklich hilfreich ist, zum Beispiel beim Pokerspielen oder wenn Sie Ihren Kindern erzählen, dass der Nikolaus kommt. Oder wenn Sie eine Überraschungsparty organisieren und der Jubilar nichts davon ahnen soll.

Ein Beispiel aus meiner Coaching Praxis

Ein Klient kommt mit dem Anliegen, in einer beruflichen Angelegenheit überhaupt nicht ernst genommen zu werden. Berufliche Anträge zur Arbeitszeiterweiterung oder wichtige Anfragen für ein Mitarbeitergespräch in Bezug auf die Arbeitsorganisation werden immer und immer wieder verschoben, vertröstet, ignoriert. Seit über einem Jahr. Der Klient beteuert glaubhaft, er habe in den letzten Jahren diverse Versuche, Anträge, Telefonate usw. an den zuständigen Stellen platziert. Diese Situation hat sehr ungute Auswirkungen auf die Befindlichkeit des Klienten. Er fühlt sich erschöpft, völlig überlastet, demotiviert, frustriert, ignoriert, perspektivlos. Kein schöner Zustand. Und all das erzählt er mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Im Laufe des Coachings gebe ich diese Beobachtung als Rückmeldung. Die Strategie, Gefühle und Befindlichkeiten nicht zu zeigen, sind (auch) im Coaching kontraproduktiv. Kongruenz ist, sich zu den eigenen Gedanken und Gefühlen bekennen. Um beim Pokern zu bleiben: Die Karten müssen aufgedeckt werden, wenn Sie profitieren wollen…

Komplexität

Zumindest wenn Sie wirklich etwas verändern wollen, lohnt es sich, die (möglicherweise sogar unbewusste) Maske abzunehmen. Im Gegenzug braucht es natürlich eine neue Verhaltensweise. Offensichtlich gibt es hier einen Bedarf nach Schutz und Sicherheit. Ich frage den Klienten, was er wohl meint, welche Nachricht sein Gegenüber bekommt, wenn er grinsend bei der Institutsleitung seinen so wichtigen Antrag vorbringt. Oder anders gefragt: Wie soll Ihr Gegenüber Sie und Ihr Anliegen ernst nehmen, wenn Sie mimisch signalisieren, dass es heiter, lustig und somit nicht sonderlich relevant ist? Merken Sie etwas? Die Situation ist (double bind) sehr kompliziert geworden, denn der Klient macht dem Institutsleiter den Vorwurf, er würde sich nicht kümmern. Er macht ihm paradoxerweise den Vorwurf, seiner eigenen Mimik zu glauben.

Mimik als Überlebensschule

Wir sind als Menschen auf die Mimik angewiesen. Mimik, Gestik und Körpersprache ist die erste Sprache, die wir als Baby erlernen. Mimik und Körpersprache hat damit in der Aussage immer Vorrang, der verbale Ausdruck hat Nachrang. Das versteht sich leicht: Das Kind ist komplett von Mutter und Vater abhängig. Es weiß nicht, wie es sich in dieser Welt verhalten soll, was gut und was schlecht ist. Wo bin ich sicher, wo nicht? Was darf ich in den Mund stecken und essen, was nicht? Eines meiner Lieblingstrainingsfelder ist ein Kinderspielplatz. Dort sieht man, wo viele Verstrickungen beginnen. Das Kind entdeckt ein Klettergerüst, tastet sich vorsichtig heran. Es freut sich. Es schaut zur Mutter. Die Mutter reißt die Augen weit auf und zieht die Augenbrauen nach oben. Das Weiß in Ihren Augen ist deutlich zu sehen. Ihr Mund öffnet sich. Dann (erst!) schreit sie „nein, sofort runter!“ Das Kind lernt, dass die Mutter es nicht gut findet. Bildwechsel. Diese Szene haben Sie bestimmt schon einmal gesehen: Ein Kind fällt hin und ist dabei, sich wieder aufzurappeln. Dann schaut es zur Mutter. Wenn die Mutter ein neutrales oder ermutigendes Gesicht macht, z.B. mit nach oben gezogenen Mundwinkeln mit dem Kopf vertikal nickt, wird das Kind einfach weiterspielen. Schaut sie hingegen angstvoll, dann (erst!) fängt das Kind an zu schreien und zu weinen. Wir Menschen sind aus Überlebensgesichtspunkten auf Mimik geeicht, auch dann noch, wenn wir später lernen, uns auch sprachlich auszudrücken.

Fluch und Segen

Beim Klienten war meine Rückmeldung genau richtig. Er sagte „na klar, ich will doch nicht, dass der sieht, wie es mir wirklich geht, das wäre ja ein Zugeständnis, dass ich es nicht mehr schaffe“. Dahinter verbirgt sich ein bestimmter Glaubenssatz oder eine Überzeugung, z.B. „ich muss als -Frau/Mann/Chef/Mutter/Vater- Vorbild immer Stärke und Souveränität zeigen.“ Wenn Sie so eine Überzeugung wie einen Fisch an der Angel haben, dann können Sie sich diesen näher anschauen, was hier unter anderem ein Aspekt im Coaching war. Wenn eine neue Überzeugung gefunden werden kann, gibt es Raum für flexibles Handeln (Denken, Sprechen) und die große Einladung, die Muskeln im Gesicht tanzen zu lassen. Wie sieht echte Freude, Wut, Ärger, Trauer, Ekel, Verachtung in Ihrem Gesicht aus? Sie bleiben ja nicht darin stecken. Emotion hat den Wortstamm „motio“, lat. Bewegung. Emotionen kommen und gehen wieder und es gibt unterschiedliche Stärken. Bei Kindern fasziniert mich das immer wieder. Gerade noch mit Trauer gewölbtem Kinn und in Falten gelegter Stirn geweint, weil das Eis auf den Boden gefallen ist und schon läuft die Träne auf einer prallen, glatten Wange abwärts den nach oben gezogenen Mundwinkeln entgegen (Freude). Flexibel und beweglich. Das macht dem Wort Emotion alle Ehre.

Mimik in eigener Sache

Was für Sie noch viel wichtiger ist: Die Emotion ist nicht nur durch die Mimik außen sichtbar, sondern die Mimik wirkt umgekehrt auf unsere Emotion nach innen. Das ist das kleine Einmaleins jeden Schauspielers. Wenn Sie jetzt ein kleines Experiment machen möchten (ja?) dann nehmen Sie sich 3,5 Minuten Zeit und schauen zunächst auf den Boden, lassen Ihren Kopf nach unten sinken, die Schultern nach vorne und das Brustbein nach innen sacken. Lassen Sie ihre Gesichtsmuskeln erschlaffen. Welche Stimmung macht sich in Ihnen breit?  – Jetzt richten den Kopf wieder auf, ebenso die Wirbelsäule und bringen das Brustbein wieder nach vorne in Position. Schauen Sie in die Weite. Welches Befinden löst das bei Ihnen aus? Achten Sie auf die Unterschiede. – Ihr Fazit?

Kostenloser Stimmungsaufheller

So mancher Sprecher, Trainer, Referent kennt den Trick und nutzt ihn auch. Wenn Sie mal nicht so gut drauf sind, aber einen guten Grund haben, mit einem Lächeln zu agieren, dann schnappen Sie sich einen Stift und suchen einen ruhigen Ort auf (ja, gerne auch das „stille Örtchen“). Den Stift klemmen Sie locker zwischen die Zähne und halten den Mund, wie wenn Sie ein breites „e“ sprechen wollten. Das halten Sie ca. 5 Minuten lang. Sie werden eine positive Veränderung Ihrer Stimmungslage bemerken. Das ist natürlich eine Selbstmanipulation, genauso wie ihr  vorheriger Zustand auch. Sie entscheiden. Über Feedback zu Erfahrungen freue ich mich übrigens immer. Unten ist Platz für Ihren Kommentar.

Mein Resümée

Menschen, die sich aus einem guten Grund ihre Mimik abgewöhnt haben, schaden sich leider selbst. Sie neigen dazu, sich emotional abzukapseln, weniger empfinden zu können und damit auch kein verlässliches Körpergefühl im Sinne eines Achtsamkeitsbarometers zu haben. Mit der Empathie wird es bei diesen Menschen nicht weit her sein.
Mal angenommen, Sie hätten eine deutliche Mimik und diese wäre kongruent zu Ihrem Inneren (Denken und Befinden), was würde sich in Ihrer Kommunikation unmittelbar verändern? Wie würden Sie selbst davon profitieren können?

Samy Molcho

Der große Pantomime und Körpersprache Experte, der sich auch durch eine äußerst wertschätzende Haltung auszeichnet, sagte in einem seiner Seminare: „Der Körper ist der größte Schwätzer, den es gibt.“ Im Zweifel stiften Sie bei Ihrem Gegenüber nur Irritation und größeres Potential von Missverständlichkeit, wenn Ihr Körper (Ihre Mimik) und Ihr Mund zwei unterschiedliche Botschaften senden. Vielleicht verstricken Sie sich damit auch ganz unnötig selbst. Das ist, wie wenn Sie bremsen und gleichzeitig Gas geben: Nicht nur unnötiger Reibungs- und Kraftverlust.

Für Kommunikationsprofessionelle

Stellen Sie sich vor, Sie könnten die Mimik Ihres Gegenübers noch deutlicher, auch im Minimalbereich wahrnehmen und hätten somit die Signale erkannt, die Ihnen erlauben, verbal genauer nachzufragen und einzulenken (statt zu interpretieren oder zu übersehen)? Wie würde das Ihre professionelle Kommunikation in der Beratung, Moderation, Mediation, im Coaching oder Training, in der Pädagogik oder im Umgang mit Mandanten oder Patienten verändern?

Mut zur Mimik

Ich mache Ihnen Mut zur Mimik. Vielleicht haben Sie dann ein paar mehr Falten. Im Ausgleich erhalten Sie wesentlich klarere Kommunikation, vielleicht sogar mehr Lebensfreude und einfach eine breitere Bandbreite des persönlichen Ausdrucks. Es gibt ja auch so viele Mischemotionen.

Apropos Falten…

Bevor Sie sich Ihr natürliches Gesicht mit Botox unterlegen lassen, machen Sie sich noch einmal die Wirkung einer Nullmimik (poker face) bewusst. Ihr Gegenüber bekommt laufend „Nullsignale“, keine Information, woran er ist. Das kann extrem irritierend wirken. Auch auf Sie selbst, wenn Sie sich zum Beispiel wundern „mich fragt niemand etwas bei Einladungen“, „bei mir denken immer alle, ich sei so gut drauf“, „keiner fragt mich, wie es mir geht“, „ich bekomme keine Reaktion“ oder ähnliches. Denken Sie an das Kind auf dem Spielplatz mit einer Nullmimik Mama: Was tun? Weiterklettern? Zurück? Hilfe holen? Ich brauche Signale!

Für Freunde straffer Haut im Alter habe ich einen anderen Tipp (Christa Gugler, Gesichtsmuskeltraining). Fangen Sie rechtzeitig damit an.

Wiederentdeckt: Mimik und Körpersprache

Für Freunde der authentischen Kommunikation habe ich eine Einladung: Am Dienstag, 8. Mai 2018 wird Mimikresonanz® Trainerin Wiebke Marschner bei inmetra® einen Impulsworkshop geben „Ich sehe das, was Sie nicht sagen. Hinter die Fassade blicken mit Mimikresonanz®.“ Das ist meine herzliche Empfehlung. Wenn Sie mich jetzt sehen würden: Mundwinkel nach oben gezogen, Fältchen am rechten und linken Augenlidrand, oberer Wangenmuskel gespannt (echte Freude).

Die Zusammenhänge von innerer Welt, Mimik, Gestik und Körpersprache und Sprache sind recht komplex.
Wenn Sie mehr in diese Welt eintauchen möchten, dann biete ich Ihnen mit dem NLP Practitioner Kurs eine profunde Entdeckungsreise. Der nächste Kurs beginnt am 29. September 2018. Er ist auch eine Ausbildungsbasis, wenn Sie sich zum Coach, Trainer, Mediator oder einem anderen, mit Menschen agierenden Beruf ausbilden lassen möchten. Info- und Erlebnisabende „Ihr Sprung aus dem Hamsterrad“- Einführung in (Selbst-) Coaching und NLP gibt es am 15. Mai, 13. Juni, 16. August 2018.

Ob Ihnen dieser Artikel gefällt, oder nicht, steht Ihnen jetzt ins Gesicht geschrieben. Das sehe ich leider nicht. Daher freue ich mich über Ihr sprachliches Feedback unten in der Kommentarspalte!

Mit einem Augenzwinkern Ihnen zulächelnd,
Ihre Vanessa Vetter

Urheberrechtlicher Hinweis
Respekt, Fairneß und Wertschätzung sind mir sehr wichtig. inmetra® ist eine eingetragene Marke. Alle Rechte liegen bei Vanessa Vetter. Texte oder Textteile dürfen nur mit ausdrücklicher Genehmigung genutzt werden. Lassen Sie es mich bitte wissen, wenn Sie daran interessiert sind.

2 Kommentare

  1. Wiebke
    12. April 2018

    Hallo liebe Vanessa,

    vielen lieben Dank für Deinen tollen Beitrag 🙂
    Die nonverbalen Kommunikation ist ein so wichtiges Feld, nimmt aber meistens leider immer noch eine untergeordnete Rolle ein. Dein Beitrag trägt zum Umdenken bei.
    Danke dafür 🙂

    Ein herzlicher Gruß
    Wiebke

    Antworten
    • inmetra
      12. April 2018

      Liebe Wiebke,

      und vielen Dank an Dich für Dein super Training. Das war nicht nur hoch spannend, sondern hat richtig Spaß gemacht. Ich freue mich, dass Du bald bei inmetra als Gast Trainerin zum Impulsworkshop am 8. Mai und dann, ganz sommerlich, zum Mimik Resonanz Basic/Professional Training vom 26.-29. Juli wieder Dein Wissen weiter gibst.

      Viel Erfolg und auf bald!

      Vanessa

      Antworten

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