Stress Test: Viel mehr Lösung als Problem

Stress Test: Viel mehr Lösung als Problem

Ich darf an jenem Wochenende angehenden NLP Coaches, DVNLP das Ziel- und Ressourcen orientierende Coaching näher bringen. Natürlich habe ich mich gut vorbereitet und genügend Zeitpuffer für die etwa 40 minütige Anreise eingeplant. Plötzlich tut es einen Schlag an meinem Auto. Ich fahre rechts ran. Der hintere, rechte Reifen ist platt. 8.30 Uhr am Sonntag morgen auf der A3, einer vierspurigen Autobahn…

Mein Test – so habe ich es für mich interpretiert-, ob ich als Coach ziel- und ressourcenorientiert als Vorbild handeln kann, beginnt…

Kommunikation und Selbstvertrauen

Zunächst bin ich einfach nur dankbar, dass nichts passiert ist. Das hätte ein böser Unfall werden können. Nun benachrichtige ich meinen Kollegen. Er fragt, ob er von dort etwas für mich tun könne und ich sage „nein danke. Ich bin sehr patent. Den Reifen zu wechseln, traue ich mir zu.“ Übrigens: Wann haben Sie das letzte Mal Ihre Notfallsachen im Auto getestet? Ich noch nie, da ich das Glück habe, bisher unfallfrei unterwegs zu sein. Das Warndreieck kommt mir vor wie eine neurologische Spielübung, die ich gerne meinen Teilnehmern offeriere. Wie die vier Stäbchen das Dreieck aufrecht halten sollen? Es steht also schief und wackelig. Egal, denn mein Fokus lautet: Reifen wechseln.

Körpergedächtnis und Humor

Beim Wagenheber fehlt ein wesentliches Teil, stelle ich fest. Doch ich freue mich, dass sich meine Hände noch daran erinnern, wie das in meiner Jugend funktioniert hat, als ich zusammen mit meinem Vater Sommer- und Winterreifen wechselte. Auf das Körpergedächtnis kann man sich verlassen. Nun muss ich lachen. Ich sehe mich selbst von außen: Eine adrette, gut gekleidete Frau im Rock vor ihrem Auto knieend mit Werkzeug hantieren.

Die Autos rasen auch schon um diese Uhrzeit mit 200 km an mir vorbei. Gemütlich ist anders. Ich muss erkennen, dass ich die Schrauben nicht aufbekomme. Der Winkel ist zu klein, ich habe nicht genug Kraft und auch mit vollem Gewichteinsatz – keine Chance.

Defokussieren und Optionen annehmen

Ich baue wieder ab und rolle, auf Inspiration hoffend, am Fahrbahnrand in neue Möglichkeiten hinein… Rechts sehe ich, was ich dort noch nie gesehen habe. Schon 50 Meter weiter ist rechts im Wald versteckt die Autobahnpolizei. Mein Freund und Helfer! Auto gesichert abgestellt, rübergeklettert und über die Zubringerbahn gelaufen (bitte keinesfalls nachmachen). Es kommt mir sogleich ein Einsatzfahrzeug mit zwei netten, jungen Polizisten entgegen. Hey, die beiden gefallen mir. Die Polizistin fragt mich aufgeweckt: Sollen wir Ihnen einen Abschleppwagen bestellen oder brauchen Sie „manpower“. Ich lache und sage, immer noch zuversichtlich: Ein starker Mann könnte reichen. Ihr Kollege war zwar kurz und schlank, doch kräftig. Mal sehen. Er weiß, dass es jetzt auf ihn ankommt. Er hat Humor und trägt es mit einem Lächeln. Ich darf eine Runde über interessante Schleichwege im Polizeiauto mitfahren. Wow! Ich befinde mich gerade in einem Traum eines kleinen Jungen. Da gibt es viele interessante Sachen zu entdecken. Ich bin begeistert und staune.

Haltung und Offenheit

Wir sammeln mein verschlissenes Warndreieck wieder ein und die Polizistin sagt, als ich ihr von meinen Schwierigkeiten, es ordentlich aufzustellen berichtete, „ja, ich weiß, die vier Stäbchen“. Genau, diese vier Stäbchen gaben mir ein Rätsel auf und ich nehme mir vor (Ziel), dass ich das in Ruhe einmal ausprobieren werde. Für alle Fälle. Denn auf das Körpergedächtnis werde ich mich auch beim nächsten Mal wieder verlassen können.

Der junge Polizist schafft es auch nicht. Schade. Doch es tröstet mich. Immerhin zeigt es, dass ich mich bisher gut angestellt habe. Das haben die beiden mir auch attestiert. Schließlich wissen sie, dass dieser Vorfall reicht, um bei jemandem Panik oder jedenfalls ziemlich viel Stress auszulösen.

Schritt für Schritt und mit Bedacht

Der nächste Schritt: In nur 1200 Metern ist ein Parkplatz. Ich versuche, von der Polizei eskortiert, langsam dorthin zu rollen. Der Fahrbahnwechsel von der Zubringerbahn – eine elegant gelöste Herausforderung. Ich gebe zu, das hat mir gerade Spaß gemacht. Am Parkplatz angekommen, versichere ich mich bei der Polizei, dass ich den Tag über hier stehen bleiben darf. Meine Visitenkarte aushändigend bedanke ich mich bei meinen Helfern: „Wenn ich einmal etwas für SIE tun kann, wäre es mir eine Ehre.“ Die beiden lachen: Wir haben doch keinen Stress!

Locker bleiben

Ich auch nicht. Deswegen rufe ich jetzt meinen Kollegen an und erörtere, was am besten zu tun ist: Taxi, mich abholen, oder…? Ein Teilnehmer wird mich abholen sagt er und auch er ist: Entspannt. Jetzt gehe ich erst einmal um die Ecke, checke die Lage (lauter LKWs aus Spanien und Polen um mich herum und deutsche PKW Fahrer, die es sehr eilig haben). Ich überlege, ob ich auf spanisch weiß, wie das benötigte Werkzeug heißt, doch ich scheitere schon am deutschen Wort. Meine Lösungssuche geht weiter… Doch erst einmal frühstücke ich in Ruhe. Denn jetzt habe ich Zeit. Ich trinke meinen wunderbaren Tee und esse mein köstliches Brot. Die Zeit läuft, doch sehr langsam.

Lösungen lauern überall

Ja, wer steht denn da direkt vor mir? Das gibt´s doch nicht! Eine weitere, gelbe Lösung tut sich vor meinem defokussierenden Auge auf: Der ADAC Abschleppwagen. Ich spaziere auf dem Parkplatz herum, doch alle Fahrer sind weg, an einem stillen Ort.
Jetzt schmunzle ich in mich hinein: Es ist bestimmt ein ungewöhnlicher Anblick. Was macht die Frau da? Der ADAC Fahrer ist plötzlich wieder da und berlinerisch-nett. Ich schildere ihm meine Situation und er weiß, dass ich mit einer langen Eisenstange den richtigen Hebel habe, die Schrauben aufzukriegen. Ein Lachen erschallt aus mir und ich mache eine ausladende Bewegung unter meinen Mantel: Wie gut, dass ich so eine Eisenstange immer dabei habe. Meine leere Hand kommt wieder aus dem Mantel heraus. Jetzt muss auch er lachen. „Nun ja, also da kann ich Ihnen nicht helfen. Ich habe so viel zu tun heute.“ V.V.: „Kein Thema, es war wirklich nett, mit Ihnen zu lachen und ich wünsche Ihnen einen guten Tag!“ Er fährt.

Es tauchen die LKW Fahrer aus ihren Ruheräumen auf und einer kommt auf mich zu. Er muss den platten Reifen gesehen haben. Ein Mann der Tat, wie ich sehe. Nicht lange gefackelt, Ersatzreifen wieder raus, Wagenheber angesetzt… und jetzt kommt der Spanier aus Granada aus seinem LKW mit der Eisenstange. Es ist jetzt egal, wie sie heißt. Schweißperlen zeichnen sich auf ihren Gesichtern ab. Doch sie lieben es, ihre Ressourcen zum Einsatz zu bringen und sie sind ehrgeizig. Das wäre ja gelacht, wenn sie das nicht schaffen würden. Es macht Spaß, Ihnen dabei zuzusehen. Ein Pole. Ein Andalusier. Eine Deutsche. Wir sind eine europäische Kooperation! 10 Minuten später ist der Reifen gewechselt und die beiden sind so schnell weg, dass ich gar nichts mehr tun kann als „muchas grazias“ und „vielen, vielen Dank“ nach rechts und links zu rufen. „De nada“ – gern geschehen.

Dankbarkeit

Mein fünfter Engel ist auf dem Weg zu mir. Holger ist ein Teilnehmer aus der NLP Coach Ausbildung. Auch er kommt ganz entspannt, ich würde sogar sagen, „lässig“ an.  In wenigen Worten ist es erklärt und „ich fahre jetzt hinter Dir her.“ Um 10.15 Uhr statt um 9.30 Uhr stehe ich vor der Gruppe im Training. Ihr wolltet doch etwas über ziel- und ressourcenorientierendes Coaching lernen!

Im NLP gibt es dazu ein paar nützliche Zutaten, die ich hier angewendet habe. Lassen Sie sich nicht entmutigen, falls es Ihnen bei den ersten Malen noch nicht ganz so geschmeidig läuft. Und Sie brauchen dafür bitte wirklich keinen platten Reifen zu konstruieren. Das ist nur ein Beispiel. Eine Unwägbarkeit aus dem Alltag reicht zum Üben.

Man nehme…

Realistisch die Situation erfassen: Ist etwas Schlimmes passiert? Nein. Ich bin ganz, mein Auto ist ganz. Niemand ist zu Schaden gekommen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass 12 Menschen auf mich warten.

Priorisieren und Sicherheit: Was ist als erstes zu tun?

Kommunikation: Wer ist zu informieren?

Haltung und Selbstwirksamkeit: Was kann ich selbst tun? Dazu gehören meine Haltung, meine Gedanken und mein Verhalten. Am Beispiel: Ich traue es mir zu. Ich schaffe es selbst oder ich kann es organisieren. Ich bleibe locker und nehme die Situation nicht ernster als nötig.

Defokussieren: Wo lauern die Lösungen? Weitwinkel einstellen, vor allem visuell und auditiv.

Beim Erkennen der Option umgehend handeln!

Zwischenzeiten zum Krafttanken nutzen und „reframen“, z.B. „jetzt habe ich Zeit, in Ruhe zu frühstücken“.

Um Hilfe bitten. Wünsche dürfen auch abgelehnt werden.

Dankbarkeit: Allen Möglichkeiten und allen Beteiligten von Herzen danken, für deren Versuche, deren Mühe, die investierte Zeit und Kraft, die investierten Umstände, die schmutzigen Hände, die Schweißperlen – hey, für mich!-, das geduldige Warten, das ruhig Bleiben und den freundliche Umgang mit mir.

Würdigung und Freude: Allen Möglichkeiten und allen Beteiligten, inclusive mir selbst! -Gut gemacht!

Widmung
Allen meinen Helfern und Holger.


Lernen, wie es geht – mein NLP Angebot 2018

  • Erlebnisabende „Ihr Sprung aus dem Hamsterrad – Einführung in (Selbst-) Coaching und NLP“
  • Der NLP Practitoner Kurs, DVNLP startet wieder am 29. September 2018 (10 Wochenenden, 1 Feiertag)


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4 Kommentare

  1. Daniel Hogen
    28. Dezember 2017

    Liebe Vanessa,
    was für ein fabelhafter Artikel, ich konnte lachen und schmunzeln und war begeistert, wie Du die Situation gemanagt hast! Einfach brillant und clever! Einfach schön zu lesen.
    Vielen Dank
    Daniel

    Antworten
    • inmetra
      29. Dezember 2017

      Lieber Daniel,

      es freut mich, dass Du das auch lustig und inspirierend lesen kannst. Als Aroma-Experten mag ich Dir nun die Frage stellen: Welches Öl wäre denn für solche Situationen gut im Handschuhfach dabei zu haben?

      Es grüßt zur Jahreswende herzlich
      Vanessa

      Antworten
  2. Daniel Hogen
    2. Januar 2018

    Liebe Vanessa,
    ein frohes Neues Yeah wünsche ich Dir!

    Das ist eine gute Frage, welches Öl da passen könnte.

    Für jeden, der sehr ängstlich und eher fahrig wird, würde ich Lavendel fein empfehlen. Hier der entsprechende Artikel dazu http://www.freiheitsreisen.de/allrounder-lavendeloel/

    Wer eher etwas braucht, um einen kühlen und klaren Kopf zu bewahren, dem würde ich zu Pfefferminze raten. Denn das frische Öl wirkt anregend, aktivierend und erfrischend.

    In so einer Situation einfach am Öl riechen und drei tiefe Atemzüge nehmen.
    Bei Bedarf wiederholen 🙂

    Dufte Grüße
    Daniel

    P.S.: weitere Informationen über die verschiedenen Düfte unter http://www.freiheitsreisen.de/category/aromatherapie/

    Antworten
    • inmetra
      2. Januar 2018

      Lieber Daniel!

      Danke für Deine Rückmeldung. Das ist ja ganz einfach. Lawendel und Pfefferminze sollte man ohnehin in der Handtasche haben, nicht wahr? Die Alleskönner par excellence. Am wichtigsten ist, im Fall der Fälle daran zu denken. Denn was ist bitte einfacher, als an einem 100% reinen, ätherischen Öl zu schnuppern?!

      In diesem Sinne wünsche ich uns, dass wir in 2018 Pfefferminze und Lawendel hauptsächlich aus purem Vergnügen riechen.

      Ich grüße mit Thymian und Zeder aus meiner abklingenden Erkältungswoche und sage Dir nochmal herzlichen Dank für das ätherische Öl Doping zum jahraus-jahrein Tag am 30. Dezember.

      Vanessa

      Antworten

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