Was machst Du denn schon wieder auf dem Jakobsweg? – Teil 1

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Was machst Du denn schon wieder auf dem Jakobsweg? – Teil 1

Diese Frage stellte mir eine Bekannte. Und mehr: „Ist das nicht langweilig, immer wieder dasselbe? Beschwerlich und sehr unkomfortabel, so liest man. Wieso hast Du Lust, das immer wieder zu tun? Bist Du religiös? Naja, es ist ja seit einigen Jahren auch in Mode, dort rumzulaufen.“ Diese und ähnliche Bemerkungen kommen mir entgegen.

Die Frage der Motivation

Ich habe von 2009 – 2011 viermal jährlich Pilgertreffen in meiner Praxis veranstaltet. Es ging darum, Menschen auf den Weg und mit erfahrenen Pilgern in Kontakt zu bringen (motio – lat. die Bewegung). Diesen ésprit des Weges erlebbar zu machen, Fragen zu beantworten und Informationen zu geben – auch ganz praktische: Die gute Ausstattung, das Klima, die Unterkunftsmöglichkeiten, zu Pilgerführern, Routen und beste Pilgerzeiten. Es fasziniert mich immer, wie nach dem Abschluss eines NLP Practitioner Kurses: Beim anschließenden Erfahrungsaustausch könnte man zweifeln, ob alle wirklich auf demselben (wortwörtlich) „Kurs“ unterwegs waren. So sind auch die Motivationen, sich auf diesen Pilgerweg zu machen, sehr unterschiedlich. Manch einer weiß vorher nicht, warum es ihn, auf mitunter merkwürdige Weise, überhaupt dorthin gezogen hat. Nach dem Meistern des Weges ist diese Frage vielleicht überraschend (neu) beantwortet.

Achtsamkeit und Gesprächskultur

Es ist ein ungeschriebenes Gesetzt auf diesem Weg, dass Pilger respektvoll nicht danach fragen. Doch sehr interessiert zuhören, wenn es einem jemand von sich aus erzählt, dieses eigene „warum bin ich hier“. Die Fragestellungen: Möchtest Du erfahren, wie ich zu diesem Weg gekommen bin? Darf ich hören, was Dich hierher verschlagen hat? könnten aus dem Kursmodul das „Meta Modell der Sprache“ meines NLP Practitioner Kurses sein und auch die Freiheit der Antwort, darauf mit „ja“ oder „nein“ zu antworten. Die Technik ist auch in der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) bekannt. Das „nein“, so stellt sich immer wieder heraus, will dann schon beim einen oder der anderen (einen ganzen Kursnachmittag) geübt sein. – Eine wertvolle Praxis auch im (Berufs-) Alltag!

El camino comienza en tu casa – der Weg beginnt bei Dir zuhause

Der Weg beginnt immer bei Dir selbst. Bei mir war es Ende der 1990er Jahre eine heikle Situation. Ich hörte mich sagen „wenn ich das schaffe, dann geh´ ich nach Santiago!“ Ganz nebenbei: Aus heutiger Sicht hätte das Scheitern ein echter Glücksfall für mich sein können. Doch diese Erkenntnis hatte ich erst viele Jahre später. Es war jedenfalls gelungen und ich war sehr erleichtert und dankbar. Da ich beliebe, meine Versprechen einzuhalten, sollte es also einige Jahre später, in 2005 endlich sein. Ich hatte keine Ahnung, wo Santiago ist und was dieser Jakobsweg war. Bis heute weiß ich nicht, wie dieser Satz „dann geh ich nach Santiago“ in meinen Kopf kam. Mein Onkel, sehr kulturbeflissen, hatte mir einmal davon autoreiseberichtet. Ihm ging es um die Kathedralen, die romanischen Kirchen und die baskischen, galizischen und andere Köstlichkeiten – den wunderbaren Wein auf der Strecke. Wieso hätte ich dorthin reisen sollen: Zu Fuß! Mit einem Rucksack! Alleine! In Pilgerherbergen! -Nein, wirklich nicht. Doch wenn es soweit ist: Der Jakobsweg ruft einen. Er ruft so lange und so laut, bis er Gehör findet. Er findet unglaubliche, geradezu komische Wege der Umsetzung.

Jede Reise beginnt mit … einer klaren Absicht

„No hay camino, el camino se hace al andar“ so lautet es in einem wunderbaren spanischen Pilgerlied von Antonio Machado: Es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht dadurch, dass Du ihn gehst.

Meine Nachbarin in Berlin – so stellte sich „zufällig“ (Sie glauben an Zufälle? Ich nicht mehr. Ich glaube an Resonanz.) heraus, wusste ziemlich gut darüber Bescheid. Zum Glück. Sie war den Weg schon gegangen. Vom Stuhl bin ich fast gefallen, als ich von ihr erfuhr, dass dieser Weg eintausend Kilometer und länger ist, je nachdem, wo man startet. Natürlich! Früher sind die Pilger von zuhause nach Santiago de Compostela gelaufen und – ganz anders als heute- auch wieder zurückgegangen, nicht geflogen.

Ich war geschockt und interpretierte, dass eine Wegstrecke davon für die Erfüllung meines Gelübdes auch reichen durfte. Mit Edith überlegte ich also, welche Etappe für ein naives Greenhorn wie mich gut passen würde: Keine Berge und einfach, bitte! Sie meinte, ab Burgos durch die spanische Meseta wäre eine gute Strecke. Gesagt getan. Ich nahm meinen Alltagsrucksack – als ehemalige Seglerin kann ich gut mit sehr wenig Gepäck auskommen. Wanderschuhe hatte ich gekauft und so ging ich los. Natürlich erst mit dem Flugzeug und dann mit dem Bus, bis ich an meiner Ausgangsposition anlandete. Auf welche Weise diese „einfache“ Strecke mich an meine nervlichen, emotionalen und körperlichen Grenzen und weit darüber hinaus bringen würde, konnte ich nicht ahnen. Auch nicht, welchen Schatz – tiefe, intensive, heilende Erfahrungen- dieser Weg für mich bereit halten sollte, Schritt für Schritt.

Überraschung und erste Schritte

Ich werde es nie vergessen. In Burgos kam ich nachts an und versuchte mich im dichten, frühlingshaften Schneegestöber zur Pilgerherberge zu orientieren. Es war grauenhaft. Und ich war gleichzeitig in einem noch nie gekannten Hochgefühl. So stellte ich mir vor, müsse es wohl sein, wenn man Drogen genommen hat. Der nächste Gedanke kam gleich hinterher und warnte mich: „Das kann ja auch in die andere Richtung gehen. Vielleicht muss ich mich auf eine heftige Depression gefasst machen.“ Um das vorwegzunehmen: Das Hochgefühl hat mich seit diesem ersten Schritt auf diesem magnetischen Weg bis heute nicht verlassen. Es trägt mich mit einem tiefen Vertrauen in meinem Leben. Auf dieser und weiteren Etappen sollte ich über die Jahre eine Menge, zum Teil auf extrem schmerzhafte Weise lernen dürfen. Die wertvollen Erkenntnisse bringe ich vor allem im beruflichen Leistungs- und Zeitmanagement, Resilienz und für den Umgang mit Schmerzen in mein Coaching und Training ein. Und immer wieder motiviere ich Menschen auf diesen ganz besonderen (Jakobs-) Weg. Denn es geht, wenn Sie wirklich gehen wollen. In meinen Kursen vermittle ich diese Denkweise des sog. „als ob Rahmens“: „Mal angenommen, es wäre möglich…, wie könnte es gehen?“ Welche Ressourcen brauche ich dafür, usw. Vertrauen fällt auch nicht vom Himmel und es liegt nicht in jeder Wiege. Es ist eine erlernbare Kompetenz, so staunt mancher.

Doch zuerst gab es für mich einen ersten Tag. Nach 15 Kilometern war eines klar, dass es so jedenfalls nicht weiter ging. Ich lag auf einer Bank, wie ein Käfer, rücklings auf meinem kleinen Tagesrucksack und philosophierte in den blauen Himmel mit weißen Wolken hinein über mein Ob, Wie und das Überhaupt der ganzen Sache. Eine Pilgerin, Szusza, eine Ungarin aus Berlin, kam bei mir an und schaute nach dem Rechten: „Hey – Dich habe ich doch schon in Burgos gesehen. Ich dachte nicht, dass Du eine Pilgerin bist, mit diesem winzigen Rucksack!“ Aha. Jetzt war ich also eine „Pilgerin“ – und zwar mit heftigen Rückenschmerzen und einer unpassenden Ausstattung – gleich am ersten Tag schach matt gesetzt.

In Teil 2

lesen Sie, warum ich mich morgen, 12 Jahre nach meinem ersten Schritt, zum 7. Mal auf eine weitere Etappe begebe und was ich alles dafür tun musste. Denn keine Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Sie beginnt mit einem ersten Gedanken und vielen hunderten, vielleicht tausenden Vorschritten bis zum eigentlichen, „ersten“ Schritt an der Ausgangsposition. In der Kommunikationspsychologie gehen wir der Technik mit der sog. „Ziele Arbeit“ auf den Grund. Dann klappt es nämlich auch.

Inzwischen weiß ich genau, wie ich optimal gehen (denken, handeln) muss, damit es gut geht. Ich werde von meinen Erfahrungen natürlich Einiges zum persönlichen Transfer in den (beruflichen) Alltag für Sie preisgeben.

Einstweilen bin ich Ihnen noch meine Antwort auf die Eingangsfrage schuldig. Sie lautete ganz pragmatisch mit einem Augenzwinkern: „Es hat noch niemandem geschadet, auf ein Minimum an Gepäck reduziert, sich zwei Wochen lang in der frischen Luft auf ein Ziel hin zu bewegen.“ Sie nickte und damit war das Thema für sie erledigt. – Für mich, auch 2300 Kilometer und 12 Jahre nach dem ersten Schritt, ist das Thema Jakobsweg noch lange nicht erledigt.

Ich wünsche Ihnen „einen guten Weg“ oder wie man auf dem Jakobsweg in Frankreich „bon vent“ und in Spanien“buen camino“ sagt – bis zum Teil 2 – Ultreya a Santiago! Geben Sie gut auf sich acht.

Wenn Sie Erfahrungen bei meiner Info Veranstaltung und / oder dem Jakobsweg gesammelt haben, dann freue ich mich hier auf Ihren Kommentar und natürlich auch, wenn Sie gerne gehen wollen und noch einige größere und kleinere „Abers“ in Ihrem Kopf kreisen.

Widmung

Diesen Beitrag widme ich Edith und Jens, meinem Pilgerfreund – ein Experte für die richtige Ausstattung. Ich danke Euch von Herzen!

Ihre Lebenspilgerin, Lösungsfinderin, Motivatorin, Rückenstärkerin und Wegbegleiterin (Coach)

 

 

 

 

Vanessa Vetter – die Frau für Veränderung. Because change is your chance.

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Respekt, Fairness und Wertschätzung sind mir sehr wichtig. inmetra® ist eine eingetragene Marke. Alle Rechte liegen bei Vanessa Vetter. Texte oder Textteile dürfen Sie nur mit ausdrücklicher Genehmigung nutzen. Lassen Sie mich wissen, wenn Sie daran interessiert sind.

8 Kommentare

  1. Jens Jungfleisch
    2. Oktober 2017

    Danke für die Widmung, liebe Vanessa! Bei Fragen zum Thema Anreise und Equipnent stehe ich immer noch gerne zur Verfügung!

    Ultreya!

    Antworten
    • inmetra
      2. Oktober 2017

      Lieber Jens, hey – das ist aber ein tolles Angebot von Dir! Das weiß ich aus Erfahrung zu schätzen. Was meinst Du – vielleicht sollten wir in 2018 mal wieder ein Pilgertreffen in meiner Praxis in Frankfurt organisieren? Mein Büro eignet sich hervorragend dafür… Mal sehen.
      Ultreya!

      Vanessa

      Antworten
  2. Christina
    3. Oktober 2017

    Bei diesem Pilgertreffen wäre ich auch gerne dabei.
    Nach einem für mich persönlich erschütternden Ereignis zu Beginn dieses Jahres und dem maßgeblich aufbauenden Coaching von Dir, liebe Vanessa, das grundlegend auch dazu beitrug, meinen jahrelangen Wunsch, einen Teil des Weges zu gehen, zu realisieren, hatte der von mir gelaufene mozarabische Jakobsweg echte Heilwirkung.

    Vielen Dank nochmals, Vanessa und „Buen camino!“

    Christina

    Antworten
    • inmetra
      3. Oktober 2017

      Liebe Christina,

      ich bin beglückt, das zu lesen. Es war die perfekte Ergänzung zu unserem Coaching. Du warst bereit für den Weg und er hat Dich aufgenommen. Wer sich mit Vertrauen und Courage öffnet wie Du, den belohnt er auf seine Weise. In meinen herzlichen Gedanken bist Du in den nächsten Wochen auf jeden Fall mit dabei. Leichtes Gepäck 😉

      Ultreya!

      Vanessa

      Antworten
  3. Wiebke Marschner
    4. Oktober 2017

    Hallo liebe Vanessa,
    warum wundert es mich nicht, dass du ein Fan vom Jakobsweg und damit jetzt „wieder“ dort unterwegs bist… 🙂
    Einmal lange gewandert – immer wieder lange wandern oder pilgern.
    Wünsche dir von ganzem Herzen eine wunderbare Zeit auf deinem Weg und viele gute Gedanken und Begegnungen mit Pilgern die dich inspirieren!
    Für mich bist du solch eine Inspiration geworden und ich bin dankbar dafür, dass wir uns über den Weg „gelaufen“ sind :-):-)
    Bis bald und „buen camino“
    Ein herzlicher Gruß
    Wiebke

    Antworten
    • inmetra
      19. Oktober 2017

      Liebe Wiebke!

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung, die mein Herz erfreut. Ja, in der Tat – ich habe wieder sehr viel gelernt, bin von wunderbaren Menschen und der Natur Schritt für Schritt auf 350 km sehr inspiriert zurückgekommen und in mein besseres Selbst gewachsen. Nun freue ich mich aufs Weitergeben und Teilen. – Auf bald und bis dahin „bon chemin“.

      Vanessa – die Lebenspilgerin

      Antworten
  4. Pascal
    24. Oktober 2017

    Liebe Vanessa,

    Alles Gute auf Deinem Weg!

    Wenn Du in Lectoure im Gers bist, geh´ schlafen zum Pfarrhaus (erst anrufen und reservieren -sehr begehrt!) und der Tag davor Thérèse Fardo (32340 direct auf dem Weg:
    therese.pause.verte@hotmail.fr https://www.facebook.com/theresemargurite.fardo ).

    Dort wirst Du Dich gut fühlen…
    Pascal

    Antworten
    • inmetra
      25. Oktober 2017

      Lieber Pascal,

      hab vielen Dank für den Tipp. Das liegt auf der Strecke, die noch vor mir liegt.
      A bientot.

      Vanessa, la pelrine

      Antworten

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