Wieviel Emotion darf sein?

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Wieviel Emotion darf sein?

„Wenn ich mir Emotionen „wegcoache“, dann bin ich doch wie eine Maschine oder langweilig – das will ich nicht!“ Lassen Sie mich an einem Beispiel verdeutlichen, wozu Emotionsmanagement gut sein kann…

Beispiel aus dem Berufsalltag

Eine Filialleiterin eines Kreditinstitutes toleriert im öffentlich zugänglichen Vorraum einen dort regelmäßig nächtigenden Obdachlosen. Sie empfindet es als einen Akt der Menschlichkeit und hat morgens einen freundlich-flapsigen Spruch auf den Lippen, der dieser Person bedeutet: „Es ist jetzt Zeit, diesen Ort zu verlassen.“ Eines morgens kommt sie in die Filiale und der Vorraum qualmt voller Zigarettenrauch. Auch die Leiterin raucht ziemlich schnell: Aus einem Gemisch von Schreck, Enttäuschung und blanker Wut. Und sie macht sich ordentlich Luft.

Anschließend ist sie von ihrer Reaktion so irritiert, dass sie mich anruft. Sie habe sich selbst als wutschnaubenden Drachen erlebt – ganz zu ihrer eigenen Verblüffung. Was sie davon zu halten habe und ob das total falsch und ungerecht war, fragt sie mich, sichtlich verwirrt. – Ja, so ein Cocktail von Emotionen in dieser Stärke kann einen ganz schön durcheinanderwirbeln, nicht wahr?

„Willkommen als Mensch…“

…pflege ich in solchen Situationen zu sagen. Denn das erste ist, diese Realität als Ausdruck des Menschseins zu akzeptieren. Die Sichtweise, zu der ich im NLP Practitioner Kurs einlade, mag für Neulinge schwierig erscheinen: „Ach, das ist ja interessant.“ Es ist zunächst hilfreich, sich zu dissoziieren, d.h. aus dem aus sich selbst heraus Erlebten herauszutreten. Lassen Sie uns von etwas weiter weg – der sog. Metaperspektive – darauf schauen: Ist es nicht wahrlich interessant, sich selbst durch ein solches Ereignis in einer ganz neuen Facette sehen zu können; zu erkennen, dass Selbstbewertungen, neue Gedanken und ungeahnte Emotionen zunächst zu Irritation über die eigene Person führen? – Ich finde schon.

Interessant

Die Filialleiterin ist sichtlich erleichtert, als sie mich das sagen hört. Im Laufe des Gespräches erfreut sie sich, zu erkennen, dass ihre langjährigen Mühen u.a. mit Coaching und NLP begleitet, zu unser beider Zufriedenheit fruchten. Denn: Es ist eine angemessene Emotion, wütend zu werden, wenn jemand eine stillschweigende Vereinbarung bricht. Diese lautete hier: „Ich lasse Sie gewähren, wenn Sie sich ruhig und unauffällig benehmen.“ Die Tatsache, dass die Filialleiterin in massive Schwierigkeiten und sogar in personalrechtliche Haftung geraten kann, wenn die Sicherheit der Filiale und der Hausbewohner durch einen Brand aufs Spiel gesetzt wird, setzt den Rahmen für die notwendige ernsthafte Betrachtungs- und Verhaltensweise. Ein weiterer Rahmen ist der persönliche Wert (eine Art individuelle Weltanschauung), den die Leiterin für wichtig erachtet. Ich vermute: „Menschen sind mit Respekt und Toleranz zu behandeln.“

Optimierung

Kommunikation und Sprache ist optimierbar. Hier z.B. durch vorab eindeutig ausgesprochene Regeln, „ich lasse Sie hier übernachten, doch die Bedingungen sind die folgenden (…). Wenn Sie diese missachten, dann sind das (…) die Konsequenzen für Sie. Als Leiterin trage ich für diesen Raum persönlich Verantwortung.“

Was wäre angenehmer (für wen alles?), wenn statt eventuell wildem Funkensprühen eine klare Ausdrucksweise parat ist, die gerne „Schmackes“ haben darf. Das heißt, sie darf durch eine erhöhte Lautstärke, klare Artikulation, deutliche Mimik und ausladende Gestik begleitet sein. Denn das ist real und der authentische Selbstausdruck in einer ernsthaften Situation.

Bedenken

Bedenken Sie auch, dass manche Menschen erst durch eine solche Klarheit aufwachen und der Ernsthaftigkeit gewahr werden (können). Nicht jeder reagiert auf eine freundliche und in gemäßigter Tonlage formulierte Bedingung oder Bitte. Manche Menschen hören erst, wenn „es brennt“.

Flexibilität

Im (NLP) Coaching und Training sage ich „wir üben Flexibilität“. Flexibilität im Umgang mit Sprache (Vokabeln lernen), z.B. mit den einen „durch die Blume“, mit anderen „Tacheles“ sprechen zu können; Flexibilität im eigenen Ausdruck: Intonation, Gestik, Mimik entsprechend dem Kontext und der eigenen Verfassung anpassen zu können; Flexibilität im Umgang mit der eigenen Emotion und der von anderen. Wenn Sie schon einmal eine Verabredung mit einem Choleriker hatten, dann wissen Sie, dass das sehr unangenehm werden kann, wenn man sich nicht zu helfen weiß.

In diesem Beispiel sind das übrigens Kompetenzen, die einer Führungskraft gut zu Gesicht stehen und von ihr verlangt werden dürfen. Apropos Sprache: Das Wort „Kompetenz“ hat zwei Bedeutungen. Einerseits heißt es, etwas können, etwas in der Lage sein zu tun; andererseits heißt es, etwas tun dürfen. Auch das ist interessant: Die Filialleiterin hat die Kompetenz, den Obdachlosen nach draußen zu verweisen und die Polizei zu holen. Sie hat die Kompetenz bewiesen, die Situation anders zu regeln.

Emotionsmanagement

Dieses Wort ist natürlich ein Witz. Ich greife es nur auf, weil heutzutage scheinbar alles „gemanaged“ wird: Der Haushalt, Ressourcen, Wertpapiere, Konflikte, Baustellen. Also dann eben auch Emotionen. Was wäre, wenn Ihr Leben noch vielseitiger und somit reichhaltiger würde, vielleicht auch unaussprechlicher, nicht mehr so einfach bewortbar?

Vielleicht ist es eine Vielzahl von unterschiedlichen Emotionen gleichzeitig, die Sie bewegt. Wie würde es Ihnen gefallen, Ihre Emotionen eher miteinander schwingen lassen zu können? Das bedeutet, Emotionen kommen und wieder gehen zu lassen. Hier ist der entscheidende Punkt: Emotionen („motio“ kommt aus dem Lateinischen und meint „Bewegung“) sind dann unangenehm und womöglich sogar schädlich, wenn Sie darin feststecken, darin verharren; wenn die Emotion Sie kontrolliert, statt umgekehrt. Wenn Sie aus Ihrer Wut, Angst, Traurigkeit oder aus Ihrer Sie der Realität entfernenden „Verliebtheit“ nicht mehr herausfinden.

Was wollen Sie?

Wenn Sie wütend sein mögen, seien Sie wütend. Ich habe meine Wut zu schätzen gelernt. Sie gibt mir den extra Schwung oder einfach eine nützliche Bedenkenlosigkeit, in ein vielleicht längst fälliges Tun zu kommen. Wenn Sie traurig oder frustriert sein wollen, dann machen Sie das. Wenn Sie fröhlich und glücklich sein wollen, genießen Sie es. Wenn Sie gelassen sein wollen, seien Sie gelassen. Der relevante Faktor ist, dass Sie das entscheiden können, … wenn Sie es können. Und mal ehrlich, das zu können wäre doch wirklich interessant, oder?

Wenn Ihnen das eine oder andere noch Schwierigkeiten bereitet, dann sage ich nicht nur „willkommen als Mensch“, sondern auch „willkommen zu einem Coaching oder einem (NLP) Training“.

Belohnung

In der Beispielsituation hat sich der Obdachlose schließlich für sein Verhalten entschuldigt. Die Filialleiterin hat die Regeln und ihre Verantwortung deutlich ausgesprochen. Beide waren im Kontakt. Ist das nicht eine wahrhaftige, menschliche Begegnung, die vielleicht wesentlich mehr bereichert, als so manche tagtäglich erlebte Oberflächlichkeit? – Ich finde, dafür lohnt sich jede Mühe.

Widmung

Diesen Beitrag widme ich S. – mit Dankbarkeit dafür, dass ich sie über die Jahre als Coach und Trainerin begleiten darf; auch mit großer Freude beobachten darf, wie sie sich mehr und mehr in ihr besseres Selbst hinein – oder heraus? – entfaltet.

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